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Wiedersehen

Rita Ketler

Ich dachte mir nicht viel dabei, als mir am späten Montagnachmittag, auf dem Weg von meiner Klavierstunde der Tiger begegnete. Im neuen Land, vor allem in der größten Stadt dieses neuen Landes sieht man so manches, und wenn man die Augen aufhält und vor allem den Blick nicht senkt, begegnet man so einigem auf den Straßen.


Der Tiger aber fiel mir auf. Ich hatte lange nicht mehr an Tiger gedacht, vielleicht, weil ich nicht genug Dokumentarfilme schaue, aber vor allem nicht an diesen einen Tiger, der dieser Tiger wahrhaftig zu sein schien. Dieser Tiger, wie er mir so am Fußgängerüberweg am Kreisel von Passy auf dem Weg zu Trocadéro auf der anderen Straßenseite gegenüberstand, schien nämlich genau jener zu sein, den ich mir seit langem vorgestellt hatte. Sein Erkennungsmerkmal und die Last, die er trug, waren nämlich, dass er gar nicht aussah wie ein Tiger. Ich nenne ihn an dieser Stelle nur den Tiger, weil ich zufällig weiß, dass es sein größter Wunsch ist, als Tiger gesehen zu werden. Ein richtiger Tiger. Eigentlich hatte ich ihn mir immer als Bärtiger vorgestellt.


Der Bärtiger, aus Gründen des Respekts vor seiner Person im Folgenden wieder Tiger genannt, hatte Ohren wie ein Bär, eine Schnauze wie ein Bär und Augen wie ein Bär. Es half ihm des Weiteren nicht, dass seine Tigerstreifen von einem Anzughemd samt Krawatte verdeckt wurden und der Tigerschwanz aus Schutz vor dem kalten Novemberregen unter dem Mantel steckte. Dies wäre auch alles nicht weiter schlimm gewesen, wenn es nicht der sehnlichste Wunsch des Tigers gewesen wäre, wie seine Vorfahren auszusehen, die die Savanne durchquerten, die wilde Antilopen gejagt hatten, die schnell und schlank und keine Hemdträger waren; eben wie sie, wie ein richtiger Tiger wollte er sein.


Was macht einen Tiger zu einem richtigen Tiger?, kann man nun berechtigterweise fragen. Für unseren Tiger machte all das, was er im Vergleich zu den imposanten und antilopenessenden Darstellern seiner nächtlichen Tigerträume nicht hatte, einen richtigen Tiger aus. Doch dies sollte besser mit den Worten der Maus erzählt werden; sie kannte den Tiger näher und hat somit auch mehr Anrecht auf das Erzählen dieses Teils der Geschichte. Es sei nur abschließend gesagt, dass der Tiger sein Bestmögliches tat, um sein Tigerdasein zur Schau zu stellen: Über seinen verdeckten Tigerstreifen war sein Hemd stets quergestreift, und wenn nicht der Wind zu stark wehte, beließ der Tiger seinen Tigerschwanz auch nicht unter dem Mantel.


Der Tiger und ich wechselten die Straßenseiten, einen letzten Seitenblick austauschend, und ich legte den Rest meines lärmenden Rückweges zurück, in Gedanken noch bei ihm, bei der Frage, was nun einen Tiger wirklich zum Tiger mache und auch, was wohl eine Maus zur Maus mache. Rückblickend hätte ich die Begegnung mit dem Tiger als das Zeichen deuten sollen, das es nun einmal war, aber ich stellte mir im Treppenhaus auf dem Weg zum siebten Stock vor, wie ich erst meine Tasche und meine regenfeuchte Jacke auf den Kleiderhaken hängen und dann mit einem Tee und einer Zigarette in selbstzufriedener Melancholie stumm auf den Eiffelturm starren würde. Aber als ich die Türe aufschloss und mein Zimmer betrat, saß auf meinem einzigen Stuhl vor dem Fenster, an dem ich mich gerade noch in abendlicher Melancholie stumm auf den Eiffelturm starrend vorgestellt hatte, die Maus. Nun, wie ich sie da nach all den Jahren des bewusst gründlichen Erwachsenwerdens wieder so sah, war ich nicht einmal angemessen überrascht.


"Das ist also des Pudels Kern", sagte ich und stellte meine Tasche ab.

„Fang nicht jetzt schon mit deinen Akademiker-Witzen an. Ich weiß, du hast studiert. Und du weißt ganz genau, dass ich nie Faust gelesen habe.“ Sie reckte die Nase nach oben.

Ich setzte mich ihr stumm gegenüber auf die Bettkante und behielt sie gut im Blick. Darauf senkte sie ihren und strich etwas beflissen ihr Kleid glatt.

"Quid pro quo", sagte sie. Sie schaute, als wäre sie sich nicht sicher, was das bedeutet. “Ich habe dir geholfen, jetzt bist du dran."

"Ach ja?"

"Ja", sagte sie jetzt wieder ganz bestimmt und schlug rasch die Beine übereinander. "Ich habe die Antwort immer noch nicht gefunden."

"Ach nein?"

"Nein, die von damals war nämlich nicht die richtige."

Also stand ich vom Bett auf, ging den einen Schritt zu meiner Küchenzeile und begann, Tee vorzubereiten. Mein Zimmer im siebten Stock, Trocadéro, Nähe Eiffelturm war wirklich nicht groß, aber offensichtlich gibt es für eine Maus immer Platz.




Bild und Text von Rita Ketler

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