
Ein spontaner Kommentar zu den aktuellen Geschehnissen aus der Welt der Belästigung und Grenzüberschreitung – man stelle sich vor: Ein hochrangiger Funktionär aus einer Branche, die von Männern dominiert wird, küsst im Eifer des Gefechts bei einer Siegerehrung eine Sportlerin auf den Mund, seine Hände halten dabei ihren Kopf. Im Nachhinein äußert sie, dieser Situation nicht zugestimmt und den Kuss auch nicht gewollt, ihn als unangenehm empfunden zu haben. Auch ungeachtet aller weiteren möglichen Vorwürfe würde man meinen: ein klarer Fall, ob schlechte Absicht oder nicht, das hätte er nicht tun sollen und dürfen und muss für diesen unüberlegten Fehltritt die Konsequenzen tragen. Denn wir leben in einer Zeit, in der sexuelle Belästigung – zumindest diejenige körperlicher Art – strafbar ist. Dass Teile der sich öffentlich Äußernden nicht der betroffenen Frau Unterstützung zugestehen, sondern den Vorfall kleinreden, den Funktionär verteidigen und überhaupt das Problem nicht erkennen, ist leider nichts Neues und damit nicht verwunderlich. Ein Teil des Problems im öffentlichen Diskurs ist, dass die entgegengesetzten Parteien sich gegenseitig aufstacheln und Fronten verhärten. Meiner Ansicht nach ist dies auch verständlich, da die Wut auf die Uneinsichtigkeit der Gegenseite exponentiell wächst, je länger und intensiver der Konflikt anhält. Deshalb hier ein Versuch, aus feministischer Perspektive in klaren und möglichst einfachen Worten auf die Aussagen zu antworten, die zugunsten des Mannes ausfallen, der in diesem Fall die Grenzen einer Frau missachtet hat. In leicht abgewandelter Form lassen sich die Aussagen (und Antworten) sicher auch auf andere Fälle übertragen. Was ich in der Goldgrube Internet so an sinngemäßen Kommentaren aus der durchschnittlichen Bevölkerung gefunden habe:
#1: Es war doch nur ein Kuss, kann man mal die Kirche im Dorf lassen?
Ja, es war „nur“ ein Kuss. Der wahrscheinlich nicht so schlimm ist wie ein Griff in den Schritt, ein Kniff in den Nippel oder eine Vergewaltigung. Aber es geht nicht darum, dass es „nur“ ein Kuss war, sondern darum, dass nicht klargestellt wurde, ob die Betroffene diesen Kuss wollte. Und es geht darum, dass auf die nachfolgende Klarstellung, dass sie ihn nicht gewollt hat, keine ernstzunehmende Entschuldigung oder eine Form aufrichtigen Bedauerns oder Einsicht folgte, sondern mal wieder ein Abwehren der Vorwürfe und das Beharren darauf, dass man „nicht zurücktreten, nicht zurücktreten, nicht zurücktreten“ werde, während ein überwiegend männliches Publikum begeistert klatscht. Dieses Verhalten drückt einfach kein Verständnis der Problematik aus.
#2: Sie hat danach doch noch gelächelt. Schien doch kein Problem gewesen zu sein.
In diesem Fall hat der Vorfall nur sehr kurz angedauert – ein Kuss von einer oder zwei Sekunden. (Was ihn nicht ungeschehen macht.) Dass diese Situation nicht unmittelbar verarbeitet und das Geschehene samt dessen Implikationen der Betroffenen erst später klar wird, ist nur verständlich, insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass man sich im Siegestaumel auf einer Siegerehrung befunden hat. Dieser Zustand ist gewissermaßen auch dem Herrn zugute zu halten: Er hat vielleicht einfach nicht nachgedacht, war im Siegesrausch. Seine Reaktionen auf spätere Kritik waren jedoch nicht ähnlich spontan wie der Kuss, sondern konnten vorbereitet werden. Diese haben ihn erst wirklich disqualifiziert. Dass eine Frau sich einer kurzen und spontanen Grenzüberschreitung, die ihr geschieht, nicht unmittelbar und an Ort und Stelle bewusst wird, sollte sie nicht davon disqualifizieren, sie kurz darauf als Grenzüberschreitung zu erkennen und zu benennen.
#3: Sie haben sich doch umarmt und sich kameradschaftlich auf den Rücken geklopft. Warum ist der Kuss jetzt das Problem?
Nun gut. Also: Man kann verbal und nonverbal Zustimmung zu bestimmten Handlungen und Verhaltensweisen geben. Gegebenenfalls sind sie gesellschaftlich vollkommen akzeptiert und als normal konnotiert, wie Umarmungen und Rückenklopfer bei einem Sieg im Sport. Die Zustimmung zu einem solchen Akt impliziert aber keineswegs die Zustimmung zu darüber hinausgehenden Akten, ob sozial akzeptiert oder nicht. Ein spontaner Knutsch auf den Mund war im Patriarchat lange wenig problematisiert und hätte noch vor einigen Jahren für weniger Aufruhr gesorgt. Die sozialen Gegebenheiten haben sich allerdings geändert. Und selbst wenn sie es nicht hätten, sollte man guten Gewissens äußern können, eine Berührung nicht gewollt zu haben, ohne dafür mit Unverständnis und Ableugnung versehen zu werden.
Kleiner Reminder für andere Fälle: Auch z. B. die Einwilligung zum Knutschen impliziert nicht, dass man mit dem jeweils anderen Sex o.ä. haben will oder muss.
#4: Das ist ja eine Hetzjagd, total übertrieben. Die zerstören ja sein Leben.
Versteht man unter Hetzjagd die Verfolgung mit Fackeln und Mistgabeln, dann hat der gute Mann keine Hetzjagd erfahren. Versteht man unter Hetzjagd öffentliche Kritik, umfangreiche Medienberichterstattung, verschiedenartige Meinungsäußerungen im Internet und die Prüfung strafrechtlich relevanter Bestände sowie die Prüfung der Eignung zu entsprechenden Ämtern durch die zuständigen Stellen, dann hat er wohl eine „Hetzjagd“ erfahren. Natürlich kann man dieses eventuell bevorstehende plötzliche Karriere-Ende als tragisch betrachten, doch in Anbetracht der Verantwortlichkeit für die eigenen Taten hat er allenfalls seine Karriere selbst beendet. Wenn nicht durch den Kuss selbst, dann doch durch seine fragwürdige Positionierung dazu.
#5: Hätte eine Frau einen Mann ungefragt in dieser Situation geküsst, wäre es doch auch kein Problem gewesen.
Möglicherweise hätte das tatsächlich für weniger Aufruhr gesorgt. Doch dass dies so ist, heißt nicht, dass es auch so sein sollte (das wäre ein naturalistischer Fehlschluss). Auch Männer oder Personen welchen Geschlechts auch immer sollten nicht ungefragt bzw. ungewollt geküsst oder berührt werden. Dass die Fälle, in denen Frauen Berührung aufgezwungen wird, stärker in den Medien diskutiert werden, liegt vielleicht daran, dass es ihnen aufgrund der patriarchalen Prägung unserer Gesellschaft einfach häufiger passiert. Und daran, dass die Fälle schwerer zu wiegen scheinen, in denen ein Machtgefälle die Situation verschärft. Da viele Branchen und Führungspositionen noch immer überwiegend männlich besetzt sind – wie die Fußball-Branche – sind oft Machtgefälle zwischen den männlichen und weiblichen Akteuren darin gegeben.
#6: Den Mann als einen „Täter“ zu bezeichnen ist doch zu heftig. Er hat doch niemanden umgebracht.
Diese Aussage streift einerseits erneut das Thema, dass es ja „nur“ ein Kuss gewesen sei. Natürlich wäre es schlimmer gewesen, hätte er jemanden umgebracht, aber das relativiert nicht kleinere Vergehen. Die Bezeichnung „Täter“ rekurriert andererseits auf zwei Dinge: Erstens darauf, dass körperliche sexuelle Belästigung eine Straftat ist. Noch hat kein Rechtsspruch o.ä. stattgefunden, weshalb korrekterweise eher von einem „mutmaßlichen Täter“ gesprochen werden müsste. Jedenfalls wenn man es genau nimmt. Zweitens kann der Begriff „Täter“ nämlich auch anspielen auf persönliche Verantwortung, darauf, dass man selbst der Täter seiner Taten ist. Oder auf den gesellschaftlichen Diskurs, in dem Betroffene von sexualisierter Gewalt und Belästigung oftmals als „Opfer“ sexualisierter Gewalt bezeichnet werden, die Gegenseite damit als „Täter“. Ob Betroffene sich selbst als Opfer sehen wollen oder nicht, ist ein anderes Thema. Täter wollen sich sicher nicht als Täter sehen, doch sie müssen damit leben, dass dieser Begriff auch bei „kleineren“ Fehltritten zur Polemisierung oder einfach zur Erfassung der Sachlage genutzt wird.
#7: Ich unterstütze nie wieder Frauen-Fußball oder einen anderen Frauensport, mimimi!
Dieser Vorfall und dass man gegebenenfalls nicht mit der geübten Kritik einverstanden ist, hat natürlich nichts mit dem Frauensport selbst zu tun. Dies hätte in jedem beliebigen Bereich stattfinden können und hätte auch dort für Kritik gesorgt, da unsere Gesellschaft sich trotz Gegenwehr in eine Richtung entwickelt, die zumindest darum bemüht ist, vor sexualisierter Gewalt oder Belästigung zu schützen. Unterdessen haben die Frauen in diesem Sport keinerlei „Schuld“ daran, dass jemand – in diesem Fall ein Mann – sich falsch verhält, indem er ungefragt Spielerinnen küsst. Dies zu behaupten wäre eine Täter-Opfer-Umkehr. Und aufgrund eines solchen Vorfalls den Frauensport an sich boykottieren zu wollen, hieße, Frauen an sich und das Einstehen für ihre Rechte zu boykottieren, was ich gelinde als frauenfeindlich bezeichnen würde.
Man könnte noch eine ganze Weile so weitermachen. Dies ist nur eine beliebige Auswahl an Kommentaren. Die offen frauenverachtenden seien an dieser Stelle außen vor gelassen, da sie sich (hoffentlich) von selbst als Schwachsinn entlarven. Ich bin überzeugt davon, dass ein offener Austausch über verschiedene Standpunkte zu öffentlichen Debatten wie dieser nützlich wäre und oftmals zu wenig stattfindet – doch über gewisse Dinge ist zwar zu debattieren und aufzuklären, doch kaum zu verhandeln.