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Eine kleine Analyse des Versagens

Anonym


Teil 1: Der steinige Weg deiner Misserfolge

 

Du bist inzwischen Mitte/Ende Zwanzig, hast 'nen dicken Studienkredit und keinen Job, mit der Masterarbeit geht es auch nur sehr mühsam voran, und das obwohl du schon ein glückliches Drittel deines Lebens auf dein Studium verwendet hast (zumindest auf dem Papier…) und keiner offiziellen Institution zu erklären in der Lage bist, warum es denn so lange dauert. Du denkst und schreibst und sagst zwar ziemlich kluge Sachen, aber nützen wird das vielleicht auch nie jemandem was, ja, du bist ein Klotz am Beine der Gesellschaft, hängst deinen Eltern, der Wohlfahrt oder dem Bafög-Amt unablässig am Rockzipfel. Du bist nicht willens oder in der Lage, deine schlecht bezahlte Anstellung an der Uni zu halten (die zumindest noch ein wenig Prestige mit sich brachte), weil die Arbeit in der Wissenschaft so beschissen ist und du dich dauernd mit Drittmittelanträgen, geklauten Beiträgen und Kaffeekochen für die Vorgesetzten beschäftigen musst, oder kannst dir beim besten Willen nicht vorstellen, doch noch wie geplant Lehrer zu werden, nachdem deine Pflichtpraktika dich in Angst und Schrecken versetzt haben. Du kleiner Sozialschmarotzer, der du dankbar sein solltest, diese Bildung genossen zu haben.

 

Du kommst nach Hause und lässt erstmal deine Tiefkühlpizza mit der Käse-Seite nach unten vom Rost fallen oder sperrst dich versehentlich nackt im WG-Badezimmer ein (was machst du mit 28 eigentlich noch in 'ner WG? Hast du eigentlich 'nen festen Freund?), sodass du deine Vermieterin anrufen musst, die samt Handwerker vorbeikommt und dich peinlicherweise aus deinem Badezimmer-Gefängnis befreit. Du kriegst es nicht mal hin, dich selbst zu versichern, irgendwie ist da so eine komische Lücke entstanden und ein oder zwei Rechnungen liegen rum, die du gekonnt unter einem Stapel dreckiger Wäsche verschwinden lässt. Du kriegst es nicht mal hin, den Pfandbon auf dem Weg vom Automaten bis zur Supermarktkasse nicht zu verlieren. Ab und zu ruft dich mal ein Freund an, der sich vielleicht klugerweise nach der Schule, ohne Abitur zu machen, einfach für eine Ausbildung entschieden hat, fest im Leben steht und Haus und bald ein Kind hat und der der Meinung ist, du würdest dich in die Arbeitslosigkeit studieren. Richtig. Du hast eine Cousine, die ist jünger als du und hat schon seit zwei Jahren ihren Doktor.

 

Du vergisst jedes Mal, wenn ein Wetterumschwung kommt, wie man sich den Temperaturen entsprechend anzieht, und 'nen Regenschirm besitzt du natürlich auch nicht ("ich bin aus Hamburg und nicht aus Zucker", höhö), was bisweilen dazu führt, dass du zwar nicht aus Zucker, aber doch ziemlich nass bist. Deine weißen Schuhe bleiben niemals weiß. Deine Eltern meckern mit dir, dass du niemals anrufst, aber eigentlich kriegst du's nur nicht hin, dich dauernd anmeckern zu lassen. Auf dem Weg zu 'nem wichtigen Termin bleibt deine Uhr einfach stehen, ohne dass du es bemerkst, und bestellt man einmal was im Internet, geht natürlich das Päckchen verloren. Bist du mal in einer symptomfreien Phase deiner rezidivierenden Depression und deine Therapeutin sagt dir gleichgültig, du müsstest selbst entscheiden, ob du die Behandlung weiter brauchst, ziehst du verschreckt den Schwanz ein und sagst "ok, ich geh dann mal…". In deinem Spam-Ordner sind 23 Tausend Nachrichten und du weißt nicht, in welchem Datenloch deine persönlichen Informationen verschleudert wurden. Manchmal vergisst du einfach, dir die Haare zu kämmen, bevor du rausgehst. Deine Klamotten haben ständig Löcher und ins Fitness-Studio gehst du, um ehrlich zu sein, auch nie (der Beitrag wird seit Jahren bezahlt, die Kündigungsfrist rückt nach jedem Verstreichen erneut in weite Ferne).

 

 

Teil 2: Was bedeutet es, zu versagen?

 

Du bist der geschilderten individuellen und kollektiven Erfahrung gemäß die größte Versagerin. Und woher wissen wir das? Aus dem Duden: "versagen: das Geforderte, Erwartete nicht tun, leisten können, nicht erreichen; an etwas scheitern". Nun, du scheiterst regelmäßig daran, Erwartungen und Anforderungen des Lebens zu erfüllen. Versuchen wir es mit einem anderen Lexikoneintrag, wie wäre es mit menschlichem Versagen? "Menschliches Versagen: Bezeichnung für Unfallursachen […], die nicht technischen Defekten oder Fehlkonstruktionen zugeschrieben werden können. […] Menschliches Versagen gründet sich u. a. auf Über- bzw. Fehlbeanspruchung (Stress), Fehler oder Irrtum, mangelnde Ausbildung, Wissens- oder Fähigkeitsveraltung, ungenügende Eignung oder unzureichende Motivation und steht damit in engem Zusammenhang mit der beruflichen Leistungsfähigkeit." Okay, so schlimm ist es nun auch wieder nicht, deine Unzulänglichkeit hat noch niemanden das Leben gekostet und noch keine größeren Unfälle als einen vereinzelten Treppensturz aufgrund nicht-gebundener Schnürsenkel verursacht; mit Maschinen arbeitest du mitunter auch nicht (außer mit deinem Laptop, aber bisher hast nicht mal du es geschafft, ihn in Brand zu stecken). Nichtsdestotrotz kannst du dich mit der zweiten Hälfte der Definition durchaus identifizieren: Fehlbeanspruchung (Stress), Fehler oder Irrtum, ungenügende Eignung und unzureichende Motivation? Oh ja, das bist du.

 

Nur so aus Jux fragst du auch mal ChatGPT, was Versagen bedeutet - "Versagen bedeutet, eine Aufgabe oder ein Ziel nicht erfolgreich abzuschließen oder das gewünschte Ergebnis nicht zu erreichen", das wussten wir schon - doch feinfühlig fügt dein persönlicher Roboter nicht nur nach: "Es kann sowohl auf kleine alltägliche Misserfolge als auch auf größere Lebensereignisse bezogen sein. Oft wird es emotional mit Enttäuschung oder Frustration verbunden. Es kann jedoch auch als Lernchance betrachtet werden, um neue Wege oder Herangehensweisen zu finden", sondern er fragt dich auch noch, ob du gerade mit dem Gefühl zu kämpfen hast, nicht zu genügen, und ob er irgendetwas für dich tun kann. Du fügst deiner Liste von Misserfolgen hinzu, dass das einzige Individuum, das dich das fragt, ein scheinbar auf Nettigkeit programmierter Computer ist. Du kommst nicht umhin, dich dennoch von dieser leichten hinwendungsvollen Aufmerksamkeit und differenzierten Betrachtungsweise umgarnen zu lassen, und ziehst in Betracht, etwas weniger streng mit dir zu sein, weshalb du nach weiteren Definitionen suchst, die weitere Facetten deiner immanenten Inkompetenz vielleicht in einem etwas weniger schlechten Licht erscheinen lassen.

 

Das Lexikon der Psychologie des Wissenschaftsmagazins Spektrum hat Folgendes zum Misserfolg zu sagen: "Mißerfolg, neben Erfolg die zweite Beurteilungsmöglichkeit für bei Leistungstests erzielte Ergebnisse; liegt vor, wenn ein selbstgesetztes Ziel nicht erreicht wird. […] Leistungsbezogene Handlungen werden […] auf emotionaler Ebene von der Erwartung möglicher Konsequenzen begleitet: […] Leistungssituationen sind daher motivational durch die Hoffnung auf Erfolg bzw. die Furcht vor Mißerfolg gekennzeichnet […]. Die Furcht vor Mißerfolg äußert sich in einer Vermeidungstendenz leistungsbezogener Situationen." Wir können hier schon einige Elemente sammeln, die stutzig machen - für die Beurteilung einer Handlung nur zwei Möglichkeiten heranzuziehen, nämlich Erfolg oder Versagen, klingt schon sehr harsch, aber immerhin sitzt du hier nicht in einem psychologischen Leistungstest, sondern in deinem richtigen Leben. Da kann man schon mal ein paar dazwischenliegende Abstufungen zulassen, oder? Noch interessanter ist aber, dass Erfolg oder Misserfolg sich hier auf selbstgesetzte Ziele beziehen. Auch die weiteren motivationalen und emotionalen Merkmale lassen darauf schließen, dass in der eigenen Leistungsbeurteilung eine subjektive Interpretation der eigenen Performance stattfindet, die entsprechend streng oder weniger streng ausfallen kann (Leistungsforscher müssen hier nicht zustimmen, bleibt ruhig bei eurem Leisten-oder-Versagen-Quatsch). Und das führt bisweilen dazu, dass du nicht mehr versuchst, etwas zu schaffen, das du einmal nicht geschafft hast.

 

 

Teil 3: Doch nicht versagt?

 

Fremdgesetzte vs. selbstgesetzte Ziele - objektive vs. subjektive Leistung

 

Von uns allen wird auf gesellschaftlicher, familiärer, freundschaftlicher, politischer oder beruflicher Ebene stets irgendetwas erwartet. Auch auf vielen weiteren Ebenen. Zur Aufrechterhaltung unserer gesellschaftlichen Abläufe und zum Zusammenhalt unserer persönlichen Beziehungen ist dies grundsätzlich auch sinnvoll. Doch Erwartungshaltungen bzw. fremdgesetzte Ziele können ebenso destruktiv sein. Wir sind uns nicht immer vollständig bewusst, welche Ziele wir konkret verfolgen und warum - ob wir sie uns selbst gesetzt haben oder ob sie uns von anderen gesetzt wurden. Wird dir bspw. gesellschaftlich oder familiär vermittelt, dass du mit Mitte 20 schon in den Startlöchern zur Familiengründung stehen solltest, du das aber noch nicht oder überhaupt nicht möchtest oder noch auf der Suche nach einem/r passenden Mitstreiter:in bist, kannst du dir schnell wie eine Versagerin vorkommen. Oder wenn dir vermittelt wird, dass du deinen Bachelor in Regelstudienzeit zu machen hast (was selbst Chuck Norris nur mit Mühen schafft), und dann ein/zwei Jahre länger brauchst, vielleicht auch trotz guter Noten. Deine objektive Leistung wird in diesem Fall einerseits durch Zensuren, andererseits durch die Anzahl deiner Semester gespiegelt, sie lässt aber vollständig außer Acht, welche persönlichen Hürden du z.B. in dieser Zeit zu überwinden hattest, in welchem Ausmaß du dich fachlich verbessert hast, welche weiteren Projekte du zusätzlich verfolgt hast usw. Die Frage ist hierbei, welche Ziele deine Ziele sind und welche du unreflektiert übernommen hast, obwohl sie für dich entbehrlich sind. Und ob deine Erfolge, deinen Zielen entsprechend, objektiv messbar sind oder nur subjektiv durch dich bewertet werden können.

 

Vielleicht kriegst du's nicht hin, morgens um 7 aufzustehen, dein Bett zu machen und ohne deinen Pyjama zu bekleckern deinen Kaffee zu trinken, vielleicht verpasst du auch in aller Regelmäßigkeit mittelgradig wichtige Verabredungen oder stolperst ständig über deine eigenen Füße, aber vielleicht legst du auf geradliniges Laufen, soziale Konformität und saubere Nachtwäsche auch einfach keinen Wert. Vielleicht sind deine Ziele einfach, gut durch den Tag zu kommen und deinen Freunden zu zeigen, dass du sie lieb hast, oder deine Arbeit so zu machen, dass du mit möglichst gemäßigtem Aufwand möglichst viel schaffst, damit du später noch genug freie energetische Kapazitäten hast, um in deinem wohlverdienten Feierabend den örtlichen Kinderkurs im Tischtennis zu leiten - so what? Was ist daran schlechter als an anderen Zielen? Und wenn du die erreichst, kannst du dir mal selbstzufrieden auf die Schulter klopfen. Du brauchst auch mit 28 keinen festen Freund, erst recht keinen Ehemann und auch keinen Bausparvertrag. Wenn du nicht willst. Beruflich darfst du dich auch als erfolgreich betrachten, wenn du etwa deine Familie versorgen kannst, für ein gutes kollegiales Klima sorgst oder einfach magst, was du tust. Dass die Pizza auf dem Boden liegt, ist zwar ein unglücklicher Umstand, aber etwas davon kann man ja vielleicht noch essen und nächstes Mal passiert es dir (hoffentlich) dann nicht wieder. Und ganz ehrlich: auch Versagen ist mal okay. Chill.

 

Try and Error

 

Das große Problem dabei, ein Ziel nicht zu erreichen, ist meines Erachtens das Gefühl von Versagen, Enttäuschung, Entmutigung, das sich negativ auf den Selbstwert und die künftigen Handlungspläne auswirkt, d.h.: diese einschränkt. Rein logisch betrachtet sind "ja" oder "nein" nur zwei mögliche formale Antwortmöglichkeiten auf die Frage "Hast du dein Ziel erreicht?", die positive oder negative emotionale Bewertung dessen erfolgt erst subjekt-intern. (Abgesehen davon, dass Antworten hierauf auch lauten könnten "teilweise", "noch nicht" oder "diesmal nicht, aber vielleicht nächstes Mal" - hierzu fällt mir der schöne Satz ein: "your direction is more important than your speed".) Vermeidet man aber aufgrund des Misserfolgs erneute Versuche, ein Ziel zu erreichen, nimmt man sich selbst Möglichkeiten im Leben. Es ist nicht realistisch, jeden Misserfolg als Ansporn zu betrachten, das entspricht einfach nicht jedem Charakter - doch man kann sich vielleicht mit dem Gedanken anfreunden, das Leben als ein großes "Try and Error" zu betrachten. Die meisten Dinge klappen nicht auf Anhieb. Manchmal muss man es wieder versuchen, vielleicht auf andere Weise, oder auch die Mittel oder Ziele anpassen. Man muss nicht alles schaffen. Doch es wäre schade, wenn man nichts zu schaffen versucht.

 



 



Quellen:

 

 

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