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Du bist so süß, wenn du dich aufregst

Caro

Wie wir unsere eigene Misogynie aufdecken können

Wir sitzen am Brunnen und warten auf den Bus. Tom unterhält sich mit einem Schulkameraden. Es ist warm. Von der Fontäne wehen Wassertropfen auf meinen Rücken. Ich sehe in den Himmel und schließe meine Augen. Die beiden haben aufgehört, über ihre Klausur zu sprechen. Eine Person nähert sich. „Die hat ja einen Schnurrbart.“ Ich öffne meine Augen und sehe, wie Toms Schulkamerad auf mein Gesicht zeigt und hämisch grinst. Tom steht auf und versucht, seinen Arm herunterzudrücken. „Hör auf damit. Das ist nicht witzig.“ Ich schaue auf den Boden. Für einen Augenblick wünschte ich mir, nicht zu existieren. Seit diesem Tag zupfe ich mir meine Haare aus dem Gesicht.

 

Frauenfeindlichkeit (Misogynie) ist vielseitig und nicht immer klar zu erkennen. In einem der schlimmsten Fälle wird einer Frau ihr Leben genommen: In Deutschland versucht jeden Tag ein Mann seine (Ex-)Partnerin zu töten. Jeden dritten Tag gelingt es.

 

Christina Clemm, Fachanwältin für Familien- und Strafrecht sowie Autorin des Buches “Gegen Frauenhass” schreibt:


Misogynie hat eine Funktion in unserer Gesellschaft

Vor ein paar Monaten erfuhr ich, dass meine Großtante eine Zwangssterilisation erleiden musste. Ihr Name war Marie. Ich hatte vorher kaum etwas über sie gewusst. Der Grund für den Eingriff? Hysterie – eine Krankheit, die Männer erfunden haben, um letztendlich Frauen zu unterdrücken.

 

Misogynie spiegelt die Einstellung wider, Frauen seien minderwertig. Sie ist ein Mittel, um patriarchale Herrschaftsstrukturen aufrechtzuerhalten und Frauen zu veranlassen, in ihren zugewiesenen Rollen, beispielsweise als fürsorgliche Mutter, als begehrte Freundin oder als unterbezahlte Pflegekraft, zu bleiben. Frauen, die aus diesen Verhältnissen ausbrechen und sich nicht an die herrschenden Normen halten, müssen mit Konsequenzen rechnen.

 

Aufgrund von weiteren Diskriminierungs- und Unterdrückungsmechanismen sind Schwarze, Indigene und Women of Color sowie Frauen mit Behinderung und trans* Frauen stärker von Restriktionen und Gewalt betroffen. Es ist eine Frage der Privilegien, inwieweit Frauen ihr gesellschaftliches Korsett ausdehnen dürfen.

 

Die norwegische Sozialpsychologin Berit Ås hat fünf Herrschaftstechniken herausgearbeitet, die Menschen alltäglich bewusst oder unterbewusst gegen Frauen anwenden. Hier ein paar Beispiele:

  1. Unsichtbar machen: In der Medizin gelten Männer als Standard (Gender Data Gap).[3]

  2. Lächerlich machen: „Du bist so süß, wenn du dich aufregst.“

  3. Informationen zurückhalten: Männliche Kollegen treffen sich in einer Bar und besprechen arbeitsrelevante Themen.

  4. Schuld aus jedem Blickwinkel/ Doppelstandards: Als Mutter vernachlässigst du entweder deine Kinder oder deinen Job.

  5. Beschämen: „Mit deinem Aussehen hast du es ja auch provoziert.“

 

Immer schön lächeln

Jede Person, die in patriarchalen Verhältnissen wie hier in Deutschland aufwächst, erlernt misogyne Verhaltens- und Gedankenmuster. Momentan lese ich das Buch „Toxische Weiblichkeit“ von Sophia Fritz. Dabei merke ich, welche Auswirkungen diese Herrschaftsstrukturen auch auf mich haben. Ich nehme Rollen in der Gesellschaft ein, die für mich als Frau angemessen und sicher erscheinen. Auch gestern konnte ich beobachten, wie ich automatisch als „gutes Mädchen“ agierte, als mich ein Mann beim Parken anschnauzte und erklärte, wie ich einen Umzug anzumelden habe. Ich nickte und fragte ihn lächelnd, ob es denn trotzdem in Ordnung sei, wenn wir hier parken würden.

 

Gleichzeitig erwische ich mich in Situationen, in denen ich Frauen missgünstig begegne. Wenn ich beispielsweise eine erfolgreiche Frau auf Instagram sehe und automatisch nach ihren Fehlern suche oder ihre Kompetenz hinterfrage. Weiblich sozialisierte Personen erlernen von klein auf, zueinander in Konkurrenz zu stehen – denn wer ist die schönste im ganzen Land?

 

Was können wir tun?

Als einzelne Person können wir keine Strukturen auflösen, aber wir können selbst entscheiden, wie wir Menschen begegnen möchten. Zur Frage, wie wir unsere internalisierte Misogynie aufdecken können, habe ich 10 Möglichkeiten gesammelt:

  1. Sich mit der eigenen Rolle in der Gesellschaft auseinandersetzen (z.B. einen Privilegien-Check machen)

  2. Sich mit Frauen solidarisieren (z.B. ihnen glauben, wenn sie über sexualisierte Gewalt berichten)

  3. Eifersucht und Missgunst gegenüber Frauen wahrnehmen und hinterfragen

  4. Körper nicht ungefragt kommentieren

  5. Sich mit dem sogenannten „männlichen Blick“ auseinandersetzen und versuchen, sich aus der eigenen Perspektive zu betrachten: Was gefällt mir gut?

  6. Bücher über Frauenfeindlichkeit sowie toxische Männlichkeit und Weiblichkeit lesen (z.B. „Toxische Weiblichkeit“ von Sophia Fritz, „Sei kein Mann” von von JJ Bola)

  7. Intersektionalität nicht vergessen (z. B. haben weiße Frauen mehr Privilegien als Women of Color)

  8. Wortschatz reflektieren (Wörter wie B**** oder H***, aber auch Heulsuse, Pussy oder Memme sind frauenfeindlich)

  9. Erwartungshaltung hinterfragen (z.B. sollte (kostenlose) Care Arbeit nicht selbstverständlich von Frauen erwartet werden)

  10. Sich äußern, wenn man frauenfeindliches Verhalten beobachtet

 

Auch wenn es sich anfangs wie eine Diskriminierung anfühlt: Männer profitieren von patriarchalen Strukturen. Auch körperliche Gewalt geht vor allem von ihnen aus. Deshalb sollten sich gerade Männer mit ihren Privilegien auseinandersetzen und ihre Macht hinterfragen.





Titelbild: Augustine Wong

 


Caro – Linguistin, Texterin, Autorin – schreibt gerade ihre Masterarbeit zu diversitätssensiblem Journalismus. Vorher war sie bei PINKSTINKS, ZDF Digital und im Gleichstellungsbüro der TU Darmstadt tätig. Wenn sie nicht an ihrer Thesis sitzt, sucht sie nach Möglichkeiten, ins Handeln zu kommen: ihr Newsletter ZaronurmitC richtet sich an alle, die sich auch für eine gerechte Gesellschaft einsetzen möchten, aber nicht wissen, wie. Es geht um mentale Gesundheit, (Anti-)Diskriminierung und Selbstreflexion. Mehr erfahrt ihr hier: ZaronurmitC | Caro | Substack



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